Wetterstein
Der Grund für die Tour wahr das Lasse zurück
nach Norwegen ging. Zu jenem Anlass hatten wir den Blassengrat als Winterbegehung
ins Auge gefasst. Eine sicherlich passende Abschiedstour, um unseren
Wikinger würdig zu verabschieden. - Nach Lasses Abschiedsparty,
4Std. Schlaf und einer ein wenig chaotischen Autofahrt mit Reifenpanne
und ein paar mal Verfahren, hatten wir um 14 Uhr Garmisch-Patenkirchen
erreicht, wo die Tour beginnen sollte.
Endlich in Garmisch angekommen, war uns aber erst
nach Essen und so zog es uns erst einmal zu dieser Internationalen Pommesbude
mit dem großen gelben M. So gestärkt konnte es dann losgehen.
Auf dem Parkplatz der Kreuzeckbahn wurde nochmal die Ausrüstung
durchgegangen und gerecht in vier Rucksäcke verteilt. Da wir recht
spät am Tag dran waren entschlossen wir uns mit der Kreutzeckbahn
die ersten Höhenmeter zu überwinden. Oben auf dem Kreuzeck
angekommen, stapften wir über die Skipiste los. Wir konnten die
Piste, aber wieder recht schnell verlassen , um uns nicht länger
den fragenden Blicken der Skifahrer aussetzen zu müssen, was wir
denn hier suchen. Wir querten die Hänge, vorbei an der an der Bernadeinhütte
in Richtung Stuibenhütte. Das klappte auch relativ gut, da Tourengeher
den Schnee auf dem Weg gut verdichtet hatten. Kurz vor der Stuibenhütte
verließen wir den Weg und stapften bergauf in das Grießkar immer in
Richtung Stuibensee. Das Aufsteigen hatte so seine Tücken da man
mit fast jedem Schritt durch die noch nicht ganz feste Harschschicht
brach. Es war schon ein wenig kräftezährend, so hatten wir
uns das nicht ganz vorgestellt. Den Stuibensee erreichten wir erst in
voller Dunkelheit, etwas oberhalb errichteten wir unseren Biwakplatz,
in dem wir eine Grube für uns vier in den Schnee schaufelten. Nach
einem ausgiebigen Abendessen, das uns für den nächsten Tag
die nötige Kraft und Energie geben sollte, verkrochen wir uns in
unsere Schlafsäcke. Das einschlafen war für keinen von uns
ein Problem.
Am nächsten Morgen standen wir recht früh auf,
es war eigentlich noch Nacht. Das erste Biwak war erfolgreich überstanden,
zum Frühstück gab es für jeden einen Corny Riegel und
Tee. Dieses Alpin-Komfort-Frühstück war schnell im Magen,
denn es war noch sehr kalt und alle waren heiß auf den Blassengrat.
Also Steigeisen angeschnallt, Rucksack auf und los.
Wir stiegen über eine Rinne, in unmittelbarer Nähe zu unserem
Biwak, zum Grat auf. Der Schnee war hier recht hart, die Steigeisen
ließen sich hervorragend setzen und der Grat war mit den ersten Sonnenstrahlen
erreicht. Ab hier war die Orientierung kein Problem mehr, jetzt ging
es mit Klettern los, immer entlang des Grats. Unsere ersten Klettermeter
waren noch ein wenig mühsam, da wir uns erst wieder an das Klettern
mit schweren Bergstiefeln gewöhnen mussten. Doch nach einigen Klettermetern
im Fels hatten wir wieder unsere Sicherheit und im Nu standen wir auf
dem Hohen Gaif. Hier wurde nun erstmal richtig gefrühstückt
und Schnee für Teewasser geschmolzen. Vom Hohen Gaif stiegen wir
direkt am Grat weiter immer dem auf und ab des Grats folgend. Zur Sicherheit
hatten wir uns zu Zweierseilschaften eingebunden, um am kurzen Seil
zu gehen. Das machte uns zwar langsamer , aber Sicherheit geht vor.
Irgendwann kamen wir zu einer Abseilstelle, die wir sehr chaotisch meisterten,
da man unten kein ordentlichen Stand finden konnte . Und dazu kam noch,
das es uns einfach nicht möglich war das Seil abzuziehen, so das
einer nochmal hoch musste, um es zu lösen. An der Abseilstelle
hatten wir wertvolle Zeit verloren und ernüchternd mussten wir
feststellen, das unser Vorhaben, den Blassengrat an einem Tag zu schaffen,
für uns einfach nicht machbar war.
Als wir die Blassenspitze erreichten begann es zu dämmern
und wir richtet uns in der darauf folgenden Scharte unser Biwak ein.
Wir Schlugen einen Hacken und setzten einen guten soliden Keil, daran
befestigten wir eines unserer Seile, um daran unsere Ausrüstung
zu befestigen und uns im Schlaf daran zu sichern. Das Abendessen bestand
aus einem Packchen Suppe und 500 Gramm Spaghetti für vier
Personen, welches schnell im Magen war (zu schnell). Den Ausklang des
Abends genossen wir mit Whisky und Zigarre.
Zum schlaffen hatten Thomas und Benoit ein einigermaßen
ebenes kleines Schneefeld , auf dem sie aber doch recht eng an einander
liegen mussten. Lasse hatte seinen Schlafplatz in einer flachen Rinne
gesucht und ich hatte ein sehr schmales Band auf den ich meinen Körper
betten konnte. Nach ein wenig hin und her gerutscht hatte wir dann aber
doch ein wenig schlafen können.
Trotz der minderen Schlafplätze hatten wir das zweite
Biwak gut überstanden. Nach dem Frühstück packten
wir unsere Rucksäcke wieder und da passierte es, mein Rucksack
machte sich selbständig auf ins Grießkar, wir konnten nur
noch zusehen wie er sich den Weg in die Tiefe suchte. Aber Glück
im Unglück die Ausrüstung für den Tag war nicht im Rucksack
und Ich sah den Rucksack mit Inhalt unten verteilt im Kar
liegen, also konnte man ihn auf dem Rückweg einsammeln .Unser Weiterweg
verlief nun nicht am Grat weiter, sondern über südseitige
Schneefelder die nicht immer mit einer bruchfesten Schneedecke überzogen
waren. Das Weiterkommen machte uns somit Propleme. Unter der teils sehr
dünnen, steilen Schneedecke verbarg sich meist plattiger,
vereisten Fels an dem ein Weiterkommen sehr anstrengend und knifflig
war, da man mit den Bergstiefeln fast kein Halt fand. Als wir aber wieder
am Grat waren verlief alles wieder etwas zügiger. Das Schneefeld
hatte uns aber doch einiges an Kraft abverlangt und wir waren echt froh,
als wir auf dem Hochblassen standen. Aus Kraft- und Konzentrationsmangel
benutzten wir am Hochblassen die Stahlspizen der Klettersteigversicherung
als Abseilhaken und gelangten so recht zügig in eine Scharte zwischen
Haupt- und Nebengipfel des Hochblassen. Benoit war schon recht am Ende
seiner Kräfte und als wir ihm eröffneten, das der Nebengipfel
auch noch auf dem Programm stand, spürte man das die Begeisterung
für den Blassengrat nicht mehr sehr hoch war. Jener Gipfel stellte
sich dann aber als sehr einfach heraus. Vom Nebengipfel seilten wir
erneut ab und gelangten in eine steile Rinne durch die man wieder ins
Grießkar gelangte.
Der Abstieg durch die steile, mit Schnee gefüllte Rinne war jedoch
tückisch, da im oberen Teil keine Sonne war, der Schnee hier
war sehr weich und man versank fast bis zu Hüfte im Schnee. Unten
wurde die Rinne breiter und die Sonne konnte hier obere Schichten der
Schneedecke so verfestigen, daß es nur möglich war, Halt zu finden
in dem die Bergstiefelspitze mit viel Wucht in den harten Schnee schlug.
Diese Verhältnisse wurden Benoit zum Verhängnis, da der Übergang
sich nur auf wenige Meter beschränkte.
Benoit stieg sehr zügig ab, er spurtete fast die Rinne herunter,
als er dann zu den unteren Schneeschichten gelangte, scheiterte sein
Versuch kläglich einen guten Tritt auf die harte Schneedecke zu
setzen. Er schmierte richtig ab, rutschte die Rinne in einem Wahnsinnstempo
abwärts, seine Versuche zu bremsen scheiterten und er rutschte
direkt auf den Steilabbruch zu, der sich im unteren Teil befand. Wir
hörten nur noch ein lauten Schrei und dann war er über die
Klippe verschwunden. Uns blieb die Luft weg und wir standen da,
erstarrt zu Eissäulen, einige Sekunden war Totenstille, bis
uns bewusst wurden was sich gerade zugetragen hatte. Mit einem sehr
flauen Gefühl im Bauch stiegen wir ab, um uns auf die sofortige
Suche nach Benoit zu machen. Lasse war als erster bei Benoit, er hatte
nach zwei Stürzen über 10 Meter hohe Abbrüche, in einem
recht steilen Schneehang doch noch Halt finden können. Bis auf
eine Vielzahl an blauen Flecken, einer blutenden Nase und einem Riesenschock
war Benoit unversehrt. Mit Lasses Hilfe erreicht Benoit das Grießkar,
wir nahmen Ihm den Rucksack ab und setzten unsern Abstieg durch das
Grießkar fort. Nach 1/3 des Grießkars kamen wir an die Stelle wo mein
Rucksackinhalt verteilt im Kar lag, bis auf eine Hose war alles da,
was für ein Dusel.
Bei Einbruch der Dunkelheit hatten wir wieder den Stuibensee erreicht.
Windgeschützt hinter einem großen Felsblock machten wir noch einmal
Pause um unserem Körper etwas Ruhe zu geben und etwas in den Magen
zu bekommen. Im Stirnlampenschein haben wir dann nach einer Stunde unsern
Abstieg fortgesetzt. Nach fünf Stunden Abstieg über teils
vereiste Skipisten, die wir auch als Riesenrutschen benutzten ereichten
wir um 23 Uhr wieder unseren Ausgangspunkt. Nach einen weitern besuch
im Gasthof zum Goldenen M und einem besuch mit Benoit im Kreiskrakenhaus
vor Ort, erreichten wir um 5 Uhr morgens unsern Heimatort.
Benoit musste am gleichen Morgen um 7 Uhr schon wieder am Bahnhof stehen
um nach Paris zu einem Vorstellungsgespräch fahren, Thomas hatte
an jenem Tag noch ein Meeting in Nürnberg, Lasse durfte seinen
Umzug vorbereiten und Ich durfte mit angefrorenen großen Zehen ins Geschäft.
Wir haben es aber nicht bereut!
|