Seilkommandos reduzieren

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Was ist das für ein Gebrüll?
Immer wieder ist es in Klettergebieten mit Mehrsseillängen zu beobachten, wie in der Wand herumgebrüllt wird, "Stand....Seil ein.... Seil aus...Nachkommen....Ich komme" und das sind nur die wichtigsten Rufe. Sind mehrere Seilschaften in der Wand, sollte ja noch der Name des Kletterpartners dazu gerufen werden " Martin Stand", um einer Verwechslung vorzubeugen, nicht dass die Seilschaft nebenan auf das Seilkomando fälschlicherweise reagiert. Projektiere jetzt ein Szenario mit 7 Seilschaften, in 3 nebeneinander liegenden Kletterouten in eine Wand deiner Wahl. Dann kommt da schon sicher eine gewisse Geräuschkulisse auf.
Geht die Kletteroute mal um eine Ecke oder geht ein starker Wind ist eine Kommunikation in der Seilschaft häufig erschwert und Seilkomandos müssen öfter wiederholt werden bis der Seilpartner bescheid weiß.
Manche Seilschaften behelfen sich heut zu Tage mit kleinen Funkgeräten, welche jedoch auch nicht immer optimal funktionieren. Vor allem wenn die Batterieleistung nachlässt, ist die Reichweite manchmal nicht mehr ausreichend.

Eine Strategie wie man als Seilschaft seine Kommunikation auf das wesendliche reduzieren kann, oder sogar ohne ein Wort durch eine Mehrseilängenroute klettern kann. Hat Pit Schubert in seinem 1 Band "Sicherheit und Risiko in Fels und Eis" auf den Seiten 203 bis 205 beschrieben.

Auszug aus dem Buch Sicherheit und Risiko in Fels und Eis, Band , von Pit Schubert:

Seilkommandos lassen sich reduzieren!

Seilkommandos können zu unangenehmem Lärm werden, was in stark frequentierten Klettergärten nicht sonderlich gefragt ist. Von den fünf nach Lehrmeinung notwendigen Kommandos »Stand«, »Seil ein«, »Seil aus«, »Nachkommen« und »Ich komme« kann man sich drei sparen und so zu weniger Lärm beitragen. Bei etwas logischem Nachdenken kommt man schnell darauf, daß nur zwei Seilkommandos notwendig sind, nämlich nur »Stand« und »Nachkommen«. Und auch diese beiden kann man sich unter bestimmten Voraussetzungen sparen, wie wir noch sehen werden. Doch bleiben wir zunächst einmal bei den zwei Seilkommandos »Stand« und »Nach- kommen«. Der Ablauf gestaltet sich wie folgt.

• Das Kommando »Stand« muß gegeben werden, jedoch erst dann, wenn sich der Kletternde am Standplatz selbstgesichert hat »Stand« heißt damit für den Seilzweiten, daß er die Kameradensicherung aufgeben kann. Das Kommando »Stand« soll nicht etwa schon vorher, wenn zwar der Standplatz erreicht, aber noch keine Möglichkeit einer Selbstsicherung geschaffen worden ist, gegeben werden.

• Es folgt nach Lehrmeinung das Kommando »Seil ein« durch den Seilzweiten. Dieses Kommando ist überflüssig, denn der Seilerste wird das lose Seil ja in jedem Fall einziehen. Was sollte er auch anderes tun? Er will ja, daß der Seilzweite nachkommt. Und das ist nur möglich, wenn er das lose Seil eingezogen hat.

• Nach Lehrmeinung folgt das Kommando »Seil aus«. Auch das ist im Grunde genommen überflüssig. Denn der Seilerste merkt von selbst, wenn das Seil »aus« ist, weil es sich nicht mehr einziehen läßt. Allerdings muß der Seilzweite darauf achten, daß sich das lose Seil beim Einziehen nicht irgendwo verhängt.

• Hat der Seilerste das Seil in die Kameradensicherung genommen, erfolgt das Kommando »Nachkommen«. Dieses Kommando ist wieder notwendig, damit der Seilzweite weiß, »jetzt kann es losgehen«.

• Auch das Kommando »ich komme« ist im Grunde genommen unnötig, denn was sollte der gesicherte Seilzweite anderes tun, als nachkommen, nachdem er das Kommando dazu erhalten hat? Auch dann, wenn er zuvor noch Klemmkeile oder andere Sicherungsmittel entfernen muß, ist das Kommando nicht notwendig. Bei aufmerksamer Sicherung merkt der Seilerste, wann er das Seil einziehen kann. Besteht Sichtverbindung zwischen beiden Standplätzen, kann auch auf das Kommando »Stand« verzichtet werden. Der Seilerste »setzt« sich in die Selbstsicherung und zeigt dem Seilzweiten beide »leeren« Hände. Auf diese Weise signalisiert er dem Seilzweiten, daß er keine Hand mehr zum Festhalten braucht und folglich selbstgesichert ist.

• Ich gehe mit meinen Seilpartnern noch weiter. Wir verzichten auf alle Seilkommandos.. Dazu ist allerdings Zwillingsseil notwendig. Das längere Seil - eins von beiden ist immer länger - ist das »Signalseil«. Wenn der Seilerste dieses Seil allein einzieht (ohne das zweite), bringt er damit seine Selbstsicherung an. Der sichernde Seilzweite kann wenige Sekunden später die Kameradensicherung aufgeben. Wenige Sekunden deshalb, weil wirklich nur Sekunden zur Anbringung der Selbstsicherung notwendig sind, wenn der Karabiner bereits im Haken hängt. Um Mißverständnissen vorzubeugen, gibt es für den Seilzweiten dafür noch eine Kontrolle, nämlich die, wenn der Seilerste beide Seile einzuziehen beginnt.
Hat der Seilerste beide Seile straff eingezogen, kann er sie nicht in die HMS einhängen. Er muß sie dazu etwas locker lassen. Das zweite Einziehen nach Anbringung der HMS, um den Nachkommenden »stramm zu nehmen«, ist das Zeichen dafür, daß er nachkommen kann. Alles andere geht dann wie oben geschildert.
Viele, die meine Kameraden und mich so klettern und sichern sehen, wundern sich, wie wir über viele Seil längen ohne jedes Wort kommunizieren können. Zugegeben, wenn man dies das erste Mal macht, ist man arg verunsichert. Doch das legt sich bald. Mit etwas Erfahrung ist es ein Kinderspiel. Ich klettere inzwischen mehr als zehn Jahre so, und es gab nicht eine einzige Situation, wo meine Seilpartner oder ich ob der fehlenden Seilkommandos unsicher gewesen wären. Wem der Erfolg zweifelhaft scheint, kann. es ja zunächst auf sicherem Erdboden probieren. Beide Seilpartner sollten sich dabei nicht sehen können. Am einfachsten ist dies, wenn zwischen beiden eine Hausecke ist und sich der eine sozusagen auf der einen Seite einer Felskante befindet und der andere auf der anderen. Ein dritter sollte beide beobachten, um Fehler feststellen zu können. Hat man dies einige Male geprobt, wird man auch im Fels kaum mehr unsicher sein. Der große Vorteil: das Geschrei fällt weg. Und wenn man sich aufgrund der Entfernung von Stand zu Stand oder bei Sturm sowieso nicht verständigen kann, ist dies die ideale Möglichkeit, untereinander zu kommunizieren.