Seilkommandos lassen sich reduzieren!
Seilkommandos können zu unangenehmem Lärm
werden, was in stark frequentierten Klettergärten nicht sonderlich
gefragt ist. Von den fünf nach Lehrmeinung notwendigen Kommandos
»Stand«, »Seil ein«, »Seil aus«,
»Nachkommen« und »Ich komme« kann man
sich drei sparen und so zu weniger Lärm beitragen. Bei etwas
logischem Nachdenken kommt man schnell darauf, daß nur zwei
Seilkommandos notwendig sind, nämlich nur »Stand«
und »Nachkommen«. Und auch diese beiden kann man sich
unter bestimmten Voraussetzungen sparen, wie wir noch sehen werden.
Doch bleiben wir zunächst einmal bei den zwei Seilkommandos
»Stand« und »Nach- kommen«. Der Ablauf
gestaltet sich wie folgt.
• Das Kommando »Stand« muß gegeben werden,
jedoch erst dann, wenn sich der Kletternde am Standplatz selbstgesichert
hat »Stand« heißt damit für den Seilzweiten,
daß er die Kameradensicherung aufgeben kann. Das Kommando
»Stand« soll nicht etwa schon vorher, wenn zwar der
Standplatz erreicht, aber noch keine Möglichkeit einer Selbstsicherung
geschaffen worden ist, gegeben werden.
• Es folgt nach Lehrmeinung das Kommando »Seil ein«
durch den Seilzweiten. Dieses Kommando ist überflüssig,
denn der Seilerste wird das lose Seil ja in jedem Fall einziehen.
Was sollte er auch anderes tun? Er will ja, daß der Seilzweite
nachkommt. Und das ist nur möglich, wenn er das lose Seil
eingezogen hat.
• Nach Lehrmeinung folgt das Kommando »Seil aus«.
Auch das ist im Grunde genommen überflüssig. Denn der
Seilerste merkt von selbst, wenn das Seil »aus« ist,
weil es sich nicht mehr einziehen läßt. Allerdings
muß der Seilzweite darauf achten, daß sich das lose
Seil beim Einziehen nicht irgendwo verhängt.
• Hat der Seilerste das Seil in die Kameradensicherung genommen,
erfolgt das Kommando »Nachkommen«. Dieses Kommando
ist wieder notwendig, damit der Seilzweite weiß, »jetzt
kann es losgehen«.
• Auch das Kommando »ich komme« ist im Grunde
genommen unnötig, denn was sollte der gesicherte Seilzweite
anderes tun, als nachkommen, nachdem er das Kommando dazu erhalten
hat? Auch dann, wenn er zuvor noch Klemmkeile oder andere Sicherungsmittel
entfernen muß, ist das Kommando nicht notwendig. Bei aufmerksamer
Sicherung merkt der Seilerste, wann er das Seil einziehen kann.
Besteht Sichtverbindung zwischen beiden Standplätzen, kann
auch auf das Kommando »Stand« verzichtet werden. Der
Seilerste »setzt« sich in die Selbstsicherung und
zeigt dem Seilzweiten beide »leeren« Hände. Auf
diese Weise signalisiert er dem Seilzweiten, daß er keine
Hand mehr zum Festhalten braucht und folglich selbstgesichert
ist.
• Ich gehe mit meinen Seilpartnern noch weiter. Wir verzichten
auf alle Seilkommandos.. Dazu ist allerdings Zwillingsseil notwendig.
Das längere Seil - eins von beiden ist immer länger
- ist das »Signalseil«. Wenn der Seilerste dieses
Seil allein einzieht (ohne das zweite), bringt er damit seine
Selbstsicherung an. Der sichernde Seilzweite kann wenige Sekunden
später die Kameradensicherung aufgeben. Wenige Sekunden deshalb,
weil wirklich nur Sekunden zur Anbringung der Selbstsicherung
notwendig sind, wenn der Karabiner bereits im Haken hängt.
Um Mißverständnissen vorzubeugen, gibt es für
den Seilzweiten dafür noch eine Kontrolle, nämlich die,
wenn der Seilerste beide Seile einzuziehen beginnt.
Hat der Seilerste beide Seile straff eingezogen, kann er sie nicht
in die HMS einhängen. Er muß sie dazu etwas locker
lassen. Das zweite Einziehen nach Anbringung der HMS, um den Nachkommenden
»stramm zu nehmen«, ist das Zeichen dafür, daß
er nachkommen kann. Alles andere geht dann wie oben geschildert.
Viele, die meine Kameraden und mich so klettern und sichern sehen,
wundern sich, wie wir über viele Seil längen ohne jedes
Wort kommunizieren können. Zugegeben, wenn man dies das erste
Mal macht, ist man arg verunsichert. Doch das legt sich bald.
Mit etwas Erfahrung ist es ein Kinderspiel. Ich klettere inzwischen
mehr als zehn Jahre so, und es gab nicht eine einzige Situation,
wo meine Seilpartner oder ich ob der fehlenden Seilkommandos unsicher
gewesen wären. Wem der Erfolg zweifelhaft scheint, kann.
es ja zunächst auf sicherem Erdboden probieren. Beide Seilpartner
sollten sich dabei nicht sehen können. Am einfachsten ist
dies, wenn zwischen beiden eine Hausecke ist und sich der eine
sozusagen auf der einen Seite einer Felskante befindet und der
andere auf der anderen. Ein dritter sollte beide beobachten, um
Fehler feststellen zu können. Hat man dies einige Male geprobt,
wird man auch im Fels kaum mehr unsicher sein. Der große
Vorteil: das Geschrei fällt weg. Und wenn man sich aufgrund
der Entfernung von Stand zu Stand oder bei Sturm sowieso nicht
verständigen kann, ist dies die ideale Möglichkeit,
untereinander zu kommunizieren.
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