Leseprobe von "Wir müssen da hoch"
Fixierstuben
Klettern
ist doch mehr als Schpocht. Dies wurde mir bei meinem ersten Kontakt
mit einer Kletterhalle ziemlich schnell klar. Gleichzeitig bestätigte
sich mir die schon immer gehegte Vermutung, dass der Mensch ein leidensfähiges
Tier ist. Und mit Sicherheit das einzige, das bereit ist, für seine
Pein auch noch Geld zu bezahlen. Irgendwann
in diesem Winter war es dann wieder so weit: Ich träumte diesen Traum,
den jeder Kletterer schon hundertmal geträumt hat (Ja, ja – und natürlich
auch jede Kletterin!): Ich fuhr auf einer Straße durch den Wald und
plötzlich tauchten hinter einer Biegung Felsen auf. Türme. Bei mir sind
es immer Sandsteintürme. Und ein Blick genügte: keine Ringe, keine Gipfelbücher
- offenbar alle unbestiegen. Eine sagenhafte Linie neben der anderen:
Wabenwände, Eisenplatten, griffige Überhänge. Und während ich gerade
dabei war zu überschlagen, wieviel hundert Ringe ich wohl brauchte,
um das alles vernünftig zu erschließen, wachte ich auf. Blitzartig überfiel
mich die Erkenntnis: Da war er wieder, der Winter-Turkey, diese gnadenlose
Form der Entzugserscheinung, von der wir alle in der kalten Jahreszeit
heimgesucht werden.
Nun sind Menschen zum Glück jedoch erfinderisch. So wurden im Laufe
der Zeit zahllose Ersatzdrogen entwickelt: Vom unsäglichen Eisklettern
(wenn Gott das gewollt hätte, hätten wir Frontalzacken und keine Zehen!)
über die mediterrane Winterfrustflucht bis hin zu Klettervideos als
besonders perfide Form virtueller Ersatzbefriedigung. Und irgendwann
wurden dann diese alpinen Fixerstuben eingerichtet, die sogenannten
Kletterhallen. Hatte ich bisher jahrelang einen Bogen um diese aus meiner
Sicht verabscheuungswürdigste Form der Substitutionstherapie gemacht,
so siegte doch eines Winters die Neugier und das Verlangen über das
Misstrauen. Ein kurzer Blick ins weltweite Netz ergab mit Hilfe der
postleitzahlgestützten Suche eine Halle in der Nähe meines Wohnortes
- schlappe anderthalb Autobahnstunden entfernt, im östlichen Ruhrgebiet
oder westlichen Westfalen, was auf dasselbe rauskommt. Nun muss
ich dazu anmerken, dass mein bergsteigerischer Lebensmittelpunkt an
den wunderbaren Ith-Felsen liegt, die ich innerhalb einer guten halben
Stunde erreiche. Ob des relativ hohen Anfahrt-Investments waren meine
Erwartungen entsprechend gespannt.
Sie wurden enttäuscht.
Nun sollte man sicherlich von vornherein einen Buchenwald nicht mit
einer Industriebrache vergleichen. Man tut ihr unrecht, schließlich
versucht sie ihr Bestes. Doch die Ankunft am Ort des Geschehens ernüchterte
meinen Freund Karsten und mich schlagartig: Der Parkplatz zwischen einem
Lidl-Markt und einem Sexshop, der Anmarsch vorbei an einem Eine-Welt-Laden
und einer Drogenberatungsstelle(!), dann ein müllcontainergezierter
Hinterhof, den es noch mutig zu durchqueren galt und schließlich ein
verschlissenes, von einem Baumarktstrahler erleuchtetes Salewa-Transparent
an einer alten Maschinenfabrikhalle. Wir waren am Ziel: “CLIMB-O-MAX”
stand da in poppiger Schrift. Vielversprechend.
Kaum war die fünfziger-Jahre-Messing-Tür quietschend hinter uns zugefallen,
atmeten wir die Atmosphäre dieser kryptischen Stätte. Eine Kaffee-Schweiß-Geruchsmischung,
flankiert von wummernden Drum’n-Bass-Rhythmen begleitete uns zur Rezeption.
In der Mitte der Halle gelegen, diente sie gleichzeitig als Bar, Kontaktbörse
und Ausrüstungsverleih. Wir zahlten einen, wie ich fand, hohen Betrag,
der uns zur Nutzung des Tempels berechtigte, unterschrieben eine Erklärung,
die uns a priori die alleinige Schuld zuwies, falls wir abstürzen sollten.
Die Bardame quittierte deren Erhalt mit einem freundlichen und vielsagenden
Lächeln. Alsdann suchten wir uns ein Plätzchen auf einer der staubigen
Stufen vor der sogenannten “BigWall” und zogen unsere Gurte an.
Beim Blick in die Runde bot sich uns ein bizarres Bild: Die “BigWall”
hinter uns verschwand, von nackten Betonskeletten flankiert, im Dunst
eines ehemaligen Kranturms, in dem nun statt riesiger Transformatoren
oder Spritzgussmaschinen topropende Kletterer von ihren Grigri-bewehrten
Kranführern manövriert wurden. An die “BigWall” schloss sich links eine
garstige, von bunter Greiflings-Akne befallene Plastikwampe an, die
im Hallenprospekt schönfärberisch als “NatureWall” angepriesen wurde.
Dort zog gerade eine Bande Rasta-Jünglinge in Verve-Hosen einige haarsträubend
schwere Boulder. Mit Sitzstart. Einer von ihnen hatte ein Unterschenkelpiercing
in Form eines Hufnagels. Sie riefen sich etwas zu, woraus sich jedoch
keinerlei Rückschlüsse auf ihre Muttersprache ziehen ließen – Das musste
Boulderisch sein. Verve-Hosen sind eigentlich immer zu kurz, schoss
es mir noch durch den Kopf, als ich von einem ohrenbetäubenden Kreischen
aufgeschreckt wurde. Jemand hatte die Hydraulik der “FlexibleWall” betätigt
und die harmlose 4+-Henkelroute verwandelte sich knarrend und drohend
in ein bizepsmordendes Überhangsungeheuer. Wir waren sehr beeindruckt.
Nun denn - zur Tat: Rasch den Kletterschuh an den schlanken Fuß geklettet
und los! Doch halt! Stretching ist hier angesagt, das sollte man tun,
so haben wir es gelesen, so wird es hier praktiziert. Nebenan versank
gerade eine Gruppe jugendlicher Bewährungsstraftäter gemeinsam mit ihrem
Sozialarbeiter in eine Art meditative Transpiration, da wollten wir
nicht nachstehen! Doch dann ans Werk. Die ersten, bewusst leicht gewählten
Routen, gingen uns gut von der Hand, nur an das seltsam hohle Geräusch
der GFK-Platten und an gegen wummernde Bässe anzubrüllende Seilkommandos
mussten wir uns gewöhnen.
Zwischendurch ließen wir uns an der Bar nieder.
“Zwei Capuccino bitte.”
Rechts neben mir zwei Rastagepiercte, die sich, von der üppigen Bardame
angehimmelt, auf boulderisch unterhielten: “Sloper durchblockieren ...
bleaumäßiger Cruxpatscher ... 6a+ bloc .... Fingersampler.”
Aha. Zur linken ein von diversen anderen Drogen offensichtlich gehandicapter
Großstadt-Junkie, der mit seinem nicht minder bekifften Kumpel über
Form und Größe der Brüste unserer Bardame spekulierte. Ich hasse Capuccino
mit Sahne.
Der Rest ist schnell erzählt. Wir arbeiteten uns an einigen hoffnungslos
unterbewerteten Routen ab, wobei wir unter anderem zweimal die “FlexibleWall”
flacher stellen mussten. Es war, als wenn man eine Flasche Domestos
trinkt: Es reinigt einen, aber hinterher fühlt man sich irgendwie leer.
Nach zwei schweißtreibenden Stunden am schnöden Plastik waren wir reif
für einen weiteren Barbesuch. Wir entschieden uns für Apfelschorle,
was der Bardame ein Zucken der rechten, mit einer Sicherheitsnadel gepiercten
Augenbraue entlockte. Während wir dann, das Naturgetränk verkostend,
die C-Jugend von Borussia Dortmund - sie trugen alle wirklich das Schwarzgelbe
- im großen 12-Meter-Dach bewundern durften, wurden wir von der Seite
angesprochen. Der mit dem Hufnagel.
“Cheers.”
“Tach.”
“Ihr seid neu hier, was?”
“Hm.”
“Coole location. Geht geil ab hier, was?”
“Jjja. Doch.”
“Seid ihr öfter hier?” (in Wahrheit sagte er “öftas”)
“Nee, nee, das erste Mal.”
“Und, wo fahrt ihr sonst hin?”
“Ith.”
“Eat? Kenn ich gar nicht! Wo issen das? Is das der Bringer?”
Karsten und ich schauten uns an. Von derselben düsteren Ahnung beschlichen,
antworteten wir fast gleichzeitig: “Nee, das hier ist besser. Bestimmt!”
Der Stau auf der Rückfahrt reichte von Soest-Ost bis Erwitte/Anröchte.
Inzwischen fahre ich von
Zeit zu Zeit zu Götz nach Kassel ins Vertical World. Des Milchkaffees
wegen. Autor
Peter Brunnert
Weitere Leseproben:
Hackfleisch
auf dehn Seiten vom Panico-Verlag.
Schuster
auf der Internetseite vom Autor Peter Brunnert.
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Das Buch gibt es beim
Panico-Verlag,
160 Seiten,
englische Broschur, 120 x 185, ISBN 3-926807-98-9, für 10.00 Euro.
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